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02.02.2011, Verein

Hortreform: Kinder als Versuchskaninchen?

Kita-Träger für klare Rahmenbedingungen und Entschleunigung

Wer ohne Ortskenntnis losrennt, kommt schnell irgendwo an – aber nicht immer am gewünschten Ziel: Dass Hortplätze für die Nachmittagsbetreuung von Schulkindern abgebaut werden oder dass Kita-Träger um ihre Existenz fürchten müssen, war sicherlich nicht gewollt. Das sind jedoch die realen Folgen der im Mai 2009 vom schwarz-grünen Senat angestoßenen „Hortreform“. Trotzdem: Es ist nicht zu spät, diese Reform nach ihrem verkorksten Start noch zu einem Erfolg zu machen. Woran das Vorhaben krankt wurde Ende Januar deutlich, als sich Vertreter von Kita-Trägern und Schulen in Bergstedt zu einem Gedankenaustausch trafen.

„Wir fordern, dass die Bildungs- und die Sozialbehörde für ein geordnetes Verfahren sorgen und mit uns einen qualitätsvollen verbindlichen Rahmen verhandeln“, sagte Sabine Kümmerle von der Geschäftsführung des Wohlfahrtsverbandes SOAL, dessen Mitglieder in Hamburg rund 200 Kitas betreiben. „Wir brauchen zunächst einen Landesrahmenvertrag als klare Rechtsgrundlage. Die Details der Kooperation handeln dann die Praktiker vor Ort – Hort- und Schulleitung, Erzieher und Lehrer – miteinander und mit Beteiligung der Eltern aus.“

Von Anfang an: Ein Hin und Her

Von einem geordneten Verfahren kann bis heute nicht gesprochen werden: Ziel der „Hortreform“ – eigentlich „Ganztagsschulreform“ und ein Teil der Hamburger Schulreform – ist es, die sogenannte „Ganztägige Bildung und Betreuung an Schulen“ (kurz: GBS vormals GaBi) einzuführen. Die räumliche Trennung von Schule und Hort wird dadurch beendet. Zukünftig sollen alle Schüler bis zur 6. Klasse nach Unterrichtsende in den Räumen ihrer Schule bis 16 Uhr kostenlos betreut werden. Horte außerhalb von Schulen werden aufgelöst. Beginnen sollte die „Hortreform“ eigentlich mit dem Schuljahr 2011/12. Im November 2009 wurde das Vorhaben auf das Schuljahr 2013/14 verschoben. Im vergangenen November wurde der Zeitplan erneut geändert: Neben den fünf Pilotschulen, die die GBS mit Beginn des Schuljahres 2010/11 eingeführt haben, wollen vom kommenden Sommer an weitere 23 Schulen in Hamburg Schulunterricht und Hortbetreuung unter einem Dach anbieten.

Für Kita-Vertreter wie Manne Nawo vom Verein „Hort Tigerente“ ist dieses Vorgehen übereilt: „Man sollte erst die Erfahrungen der Pilotschulen auswerten, bevor man mit weiteren Schulen in die Fläche geht. Es sind noch zu viele Fragen unbeantwortet.“ Die Fragen betreffen praktische Aspekte der Hortarbeit, aber auch fundamentale pädagogische Vorgehensweisen: Soll die Arbeit der Hort-Erzieher so wie der Schulunterricht auf PISA-Linie gebracht werden oder dürfen die Kinder in ihrer Schule nachmittags auch mal „daddeln“ und „chillen“? Wenn ja: Wer kauft die Comics, Computer, Kicker und Kuschelkissen dafür? Wo lagern diese Sachen während des Unterrichts? In Schränken im Klassenraum, der als „Multifunktionsraum“ nachmittags zum Hort wird und jeden Tag umgebaut werden muss? Wann wird überhaupt sauber gemacht? Oder leben die Kinder am Nachmittag in den schmutzigen Räumen vom Vormittag? Wo bekommen die Kinder ihr Mittagessen? Wer überwacht dabei die hygienischen Standards? Essen die Kinder alleine oder gemeinsam mit einem Lehrer oder Erzieher?

Was nichts kostet ... – „Satt & Sicher“ als neuer Qualitätsstandard?

Das Hauptproblem dieser, von ihrer Grundidee her eigentlich sinnvollen Reform, ist jedoch ein anderes: Die Umsetzung soll den ursprünglichen schwarz-grünen Plänen zufolge ohne weitere Investitionen und Budgeterhöhungen „kostenneutral“ gestaltet werden. Für das gleiche Geld wie bisher und ohne zusätzliches Personal müssten die Schulhorte dann aber laut Schätzungen weit mehr als 28.000 Schüler täglich in ihre Obhut nehmen. Heute sind es 18.000. Statt wie bisher um etwa 17 Kinder soll sich dann eine Erzieherin oder ein Erzieher gleichzeitig um 23 Kinder kümmern. Wie die Erfahrungen an den Pilotschulen zeigen, geht die Idee dieser sich angeblich durch Effizienzgewinne selbst finanzierenden Reform nicht auf: Eltern berichten, dass es an geeigneten Horträumen mangelt, dass die Doppelnutzung von Klassenräumen Ärger verursacht oder dass zum Mittagessen nicht für jedes Kind genug Teller bereitstehen. Die Qualität der pädagogischen Arbeit bleibt unter diesen Bedingungen auf der Strecke: aus Betreuen wird Verwahren.

„Mit der von den Behörden vorgesehenen Finanzausstattung ist es nachweislich nicht möglich, eine Betreuung im Ganztag umzusetzen, die den Bedürfnissen der Kinder und Eltern gerecht wird“, so Sabine Kümmerle von SOAL. „Trotzdem sollen auf dieser Grundlage immer neue Standorte an den Start gehen.“ Kita-Träger, die als Kooperationspartner einer Schule trotzdem eine pädagogisch hochwertige Betreuung sicherstellen wollen, machen unter diesen Bedingungen ein deutliches Minus – und wären auf Dauer nicht mehr existenzfähig. Die Konsequenz laut Manne Nawo: „Gute Kita-Träger ziehen sich aus der Hortbetreuung zurück, die schlechten bleiben.“ Schlimmer noch: Um nicht im Sommer 2013 – wenn alle Schulen die Nachmittagsbetreuung für Kinder der Klassen Eins bis Sechs sicherstellen müssen – von heute auf morgen halbleere Einrichtungen unterhalten zu müssen, verringern manche Kita-Träger bereits heute schon die Anzahl der Hortplätze für Schulkinder. Vermehrt setzen sie auf die Betreuung der sogenannten Elementarkinder im Alter von drei bis fünf Jahren. Denn die bleiben den Einrichtungen auch nach 2013 erhalten. Für berufstätige Eltern, die auf die Hortbetreuung angewiesen sind, ist dies eine katastrophale Entwicklung.

Schulen und Kita-Träger: Geben und Nehmen auf beiden Seiten

Den Schwarzen Peter halten derzeit die Schulen in den Händen. Sie müssen zunächst einen Träger finden, der trotz der unattraktiven Bedingungen mit Beginn des Schuljahres 2013/14 die Hort-Betreuung an ihrer Schule gewährleistet. Die Hort-Träger können abwarten und pokern: „Wir könnten mit den Schulen verhandeln und uns – wenn die Rahmenbedingungen für eine pädagogisch sinnvolle Hortarbeit nicht gegeben sind – zurückziehen“, erklärt Frauke Stein vom Verein „Kinderkreisel“. So weit wollen sie und die anderen Hort-Vertreter es aber eigentlich nicht kommen lassen. Auch wenn offiziell noch keine Strukturen geschaffen wurden, um Lehrer und Hort-Erzieher zusammenzubringen: „Wir werden auf die Schulleitungen zugehen, uns mit ihnen treffen, um herauszufinden, was beiden Seiten nützt.“

Die Erfahrung lehrt, dass es für Kita-Träger meist einfacher ist, auf die benachbarte Schule zuzugehen. Das bestätigt auch ein Schulleiter: „Die Träger brechen das Eis. Die Erzieher laden die Lehrer zum Mitessen in der Kita ein und stellen so den ersten Kontakt her.“ Entscheidend für den Erfolg der Hortreform wird auch sein, dass sich beide Seiten aufeinander zubewegen. „Die Hortreform ist im Kern eine Reform der Schulen“, sagt Manne Nawo. „Sie kann nur gelingen, wenn durch gegenseitige Wertschätzung eine gemeinsame Vision von ganzheitlicher, ganztägiger Bildung und Betreuung entsteht.“ Jeder solle sich klar machen: „Durch das Verschmelzen von Schule und Hort wird eine völlig neue Einrichtung geschaffen.“

Weitere Infos zur Hortreform: www.SOAL.de